Journalismus

Dokumentarfilm zu Ost-Punk-Bewegung

Bei Regisseur Carsten Fiebeler steht die DDR-Vergangenheit im Fokus

Eine Film-Kritik für den Basis-Text der dpa

Ihre Band-Namen lauteten "Betonromantik", "Planlos", "Wutanfall", "Schleinkeim" oder "l’Attentat". Ihre Zentren waren Berlin, Dresden, Halle und Leipzig. Auch in der DDR hatten Teile der Jugend von den "Sex Pistols"und Co. Wind bekommen und sich in Sachen Mode und Lifestyle vom Punk anstecken lassen.

Mit "ostPunk! too much future" legt der Regisseur Carsten Fiebeler nach die Datsche (2002) und Kleinruppin forever (2004) jetzt einen beeindruckenden Dokumentarfilm vor. Erneut steht die Aufarbeitung der facettenreichen DDR-Vergangenheit im Fokus.

Der Film erzählt die Geschichte von sechs Menschen, die in den frühen 80er Jahren maßgeblich an der Begründung einer Punkszene jenseits der Mauer beteiligt waren. Gegen den Strom, abseits eines tief empfundenen psychologischen Vakuums der SED-Jugendorganisationen und im ständigen Konflikt mit den Machtmechanismen des totalitären Systems, kämpften sie auf ihre Weise um radikale Selbstbestimmung.

"ostPunk! too much future" deshalb, weil sich die Ost-Punk-Bewegung im Gegensatz zum "no future"-Motto der von sozialer Chancenlosigkeit geprägten West-Punks mit ihren rotzigen Hasstiraden als Gegenkultur zum bornierten Zukunftsoptimismus des real-existierenden Sozialismus formierten. Schnell galten ihre Mitglieder als Staatsfeinde Nummer 1. Die Stasi hat sie nach einer kurzen Blüte ihrer Szenekultur erbarmungslos verfolgt und mit brachialen Repressionen überzogen.

Mit einem kunstvollen Mix aus privatem, illegalem Super-8-Material und DDR-Propagandafilmen gelingt Fiebeler eine ungefärbte Dokumentation des Gewesenen, das er mit dem Heute konfrontiert. In Interviews begleitet der Regisseur seine Protagonisten durch ihren Alltag in der Jetzt-Zeit und beleuchtet so mit dem kritischen Abstand von gut 20 Jahren ein äußerst bizarres Stück Zeit- und Pop-Kultur-Geschichte.

"Einmal Punk, immer Punk!" - Im Vordergrund dieses Dokumentarfilms steht die lebenslange Frage nach Anpassung, Zwängen und dem ungebrochenen Streben nach Freiheit.

Von den sechs Portraitierten, darunter nur zwei Frauen, weist Mita sicherlich den größten Leidensdruck in ihrer Biografie auf. Als Schlagzeugerin der Ost-Berliner Band Namenlos wurde sie 1983 als Siebzehnjährige inhaftiert. Sie durchlitt die Qualen entmenschlichender Verhöre, körperlicher Drangsalierung und der Isolation von den Freunden, die für sie alles bedeuteten. Noch heute leidet sie unter den psychischen Folgen.

Beim Spaziergang durch den ehemaligen Palast der Republik zeigt Carsten Fiebeler das fragile Bild einer Mutter, die in dem verblassten Spiegel eindeutiger Gegenbilder, das Streben nach Selbstbehauptung nicht aufgegeben will.

Mike ist heute Gerüstbauer. Es ging ihm damals darum, "als Punk ein kleines Stück weit die Welt zu verändern". Seine Aggressionen lebt er mittlerweile als Sänger der Hardcore-Band "Punishable Act" aus. Über die Musik gelingt ihm heute wie früher eine Gradwanderung. Zwischen der bürgerlichen Existenz als Familienvater und dem anstrengenden Berufsleben oszilliert nach wie vor seine tief empfundene Lebensphilosophie als Punk.

Jenseits aller nostalgischen Vergangenheitsbeschwörung ist "ost Punk! too much future" vor allem auch ein Musikfilm. Das Liedgut von damals findet sich hier als lautstarke, aussagekräftige Untermalung. Es vermittelt die emotionale Authentizität des Berichteten. Die Interviewsequenzen wechseln sich ab mit intimen Momentaufnahmen, persönlichen Foto-Serien und bildmächtigen Animationen und Collagen. Der Film lebt von einer harten Schnitttechnik und kunstvollen Überblendungen.

Viele Details und Anekdoten über das Milieu der Ost-Punk-Bewegung werden enthüllt. Fiebelers Film lässt das vielseitige Selbstverständnis dieser bisher unentdeckt gebliebenen Subkultur für eine knappe Stunde in Bild und Ton wieder auferstehen.

Warum waren Kiffen und Hippietum out? Welche Mode hat man bevorzugt? Warum gehörten die so genannten "Plastics" nicht dazu? Wie kam man an das begehrte Plattenmaterial aus dem Westen? - Wer mehr erfahren möchte, für den ist der Film genau das Richtige!

www.toomuchfuture.de

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